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Mehr wissen als der Chef? Senior-Entwickler in der Wissenskrise.

04.07.2019 - Florentin Kolitsch - Min. Lesezeit
Vorsicht, wenn Sie der Meinung sind, besser als Ihr Chef zu sein! Denn ist ein Mitarbeiter seinem Vorgesetzten überlegen, kann das der Karriere schnell schaden. Eine heikle Situation. Zudem handelt es sich dabei um ein Thema, das in keinem Seminar zur Sprache kommt. Wir geben Ihnen Tipps, wie Sie sich als Senior Entwickler mit Überfliegerpotenzial richtig verhalten, auf was Sie achten sollten und wie Sie den Spaß am Job behalten.

Sie können nichts dafür: Sie waren schon in der Schule vielleicht ein bisschen schlauer als Ihre Schulkameraden oder bewältigten Ihr Informatikstudium an der Uni ohne größere Vorkommnisse. Womöglich haben Sie sogar Summa cum laude abgeschlossen. Eigentlich alles ein Grund zur Freude – zumal sich die Unternehmen dank der günstigen Arbeitsmarktlage für Software-Entwickler nur so um Sie gerissen haben. Das ging ein paar Jahr so weiter. Doch seit Sie als Senior Developer regelmäßig Kontakt zur Führungsebene und mehr Verantwortung haben, haben Sie vielleicht gemerkt, dass Sie mit Ihren Fähigkeiten bei Ihren Vorgesetzten schnell mal anecken.

Wenn Senior Developer ihre Chefs abhängen

Insbesondere in der IT-Branche kommt es öfter vor, dass studierte Senior Entwickler auf Manager-Ebene mit Chefs zu tun haben, die noch aus einer Zeit stammen, in der sich Informatiker im Selbststudium ausbildeten und eher durch einen großen Erfahrungsschatz glänzten als mit einer fundierten akademischen Ausbildung. Es liegt in der Natur der Sache, dass solche Bosse, auch wegen fehlender Weiterbildung, den fachlichen Anschluss an ihre Mitarbeiter im Lauf der Zeit verlieren. 

Angst, wenn die Mitarbeiter fachlich auf einem höheren Level sind

Auch wenn das in der IT-Branche häufiger vorkommt, wird dieses Problem in Manager-Seminaren und Weiterbildungen tot geschwiegen. Der Grund hierfür ist ganz einfach: Welcher Chef gibt schon gerne zu, dass der eigene Mitarbeiter fachlich mehr weiß, als er selbst? Es ist ein schwerer Spagat: Zum einen profitiert der Chef von talentierten Mitarbeitern, zum anderen kann jeder von ihnen ein direkter Konkurrent sein. Eine mögliche Reaktion wäre es, den eigenen Mitarbeiter auszubremsen oder in die Schranken zu weisen. Ein Fehler!

Exkurs: Wie schlau sollten Chefs sein?

Bevor wir Ihnen Tipps geben, wie Sie als Supertalent mit weniger talentierten Chefs zurecht kommen, stellt sich noch die spannende Gegenfrage: Wie schlau sollte ein Chef optimalerweise sein? Mit diesem Thema hat sich ein Forscherteam um den Psychologie-Professor Dean Keith Simonton an der Universität von Kalifornien beschäftigt. Das Ergebnis: Der optimale Manager-IQ hängt gemäß den Ergebnissen der Forschungsgruppe vom IQ der Mitarbeiter ab. Demnach ist der ideale IQ einer Führungskraft etwa 1,2 Mal so hoch ist wie der Intelligenzquotient seiner Mitarbeiter. Bei einem Team von überdurchschnittlich intelligenten Mitarbeitern steigt damit die Anforderung an den IQ des Chefs proportional. Ist der Vorgesetzte selbst überdurchschnittlich intelligent, so wird er tendenziell seine Mitarbeiter überflügeln – was sich wiederum auf die Leistungsmotivation negativ auswirkt und den Management-Erfolg schmälern könnte.

Für die Verknüpfung von IQ gibt es laut der Wissenschaftler diese Gründe:

  • Überdurchschnittlich intelligente Vorgesetzte werden als Außenseiter betrachtet. Die Mitarbeiter akzeptieren sie nicht als Teil des Teams. Sie sind für diese eher ein Kuriosum, das in seiner eigenen Welt lebt, ohne sich für die Bedürfnisse der Mitarbeiter zu interessieren. 
  • Differieren die IQs stark, schwindet die gemeinsame Kommunikationsebene. Kommunikation ist aber einer der Erfolgsfaktoren im Unternehmen. Nur bei gegenseitigem Verständnis können Probleme geklärt und gemeinsame Ziele definiert und erreicht werden. 
  • Auch wenn der IQ des Vorgesetzten höher ist, heißt das nicht, dass die Mitarbeiter dumm sind. Wenn solche Führungspersonen aber ein extra simples Wording nutzen, um wirklich jeden Mitarbeiter zu erreichen, läuft man Gefahr, die Intelligenz seines Teams zu beleidigen.

Sechs Strategien, um mit divergierenden Wissens- oder Intelligenzniveaus umzugehen

In der Regel hält der Vorgesetzte die Zügel fest in der Hand und lässt sie sich auch von Ihnen nicht wegnehmen. Außer, Sie versuchen mit intelligenten Manövern, Ihre Talente zu nutzen. Hier haben wir für Sie sechs Tipps von HR-Experten und Psychologen zusammengefasst, die Ihnen dabei helfen können:

  1. Machen Sie keine Bemerkungen hinter dem Rücken Ihres Chefs. Suchen Sie stattdessen immer das offene Gespräch.
  2. Machen Sie sich Ihrem Vorgesetzten gegenüber nützlich! Nehmen Sie ihm Arbeit ab. So schlagen Sie gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie erledigen Arbeit und Ihr Chef wird mit der Zeit erkennen, dass er Ihnen Aufgaben anvertrauen kann und Sie eigenverantwortlich arbeiten können.
  3. Holen Sie Ihren Chef mit ins Boot! Auch wenn Sie zum Beispiel eine Präsentation selbst erstellt haben. Bieten Sie Ihrem Chef an, sie der Geschäftsführung vorzutragen. Oder stellen Sie sich für Rückfragen direkt zur Verfügung. So bieten Sie einen Mehrwert, ohne die gegebene Hierarchie in Frage zu stellen.
  4. Nicht nur Sie, sondern auch Ihr Chef möchte von Zeit zu Zeit gelobt werden. Finden Sie Stärken bei Ihrem Vorgesetzten, denn die wird es geben, sonst hätte er seine Position nicht. Nebenbei tun Sie damit viel für ein gutes Büroklima.
  5. Achten Sie auf die Wortwahl! Gerade Akademiker neigen dazu, ihre Eloquenz in ganzem Umfang auszuspielen. Das ist oft nicht angebracht und wirkt beim Gegenüber möglicherweise überheblich. Außerdem ist es der gegenseitigen Verständigung wenig zuträglich.
  6. Geben Sie nichts umsonst! Bei allem Entgegenkommen müssen Sie auch dafür sorgen, dass Sie gerecht entlohnt werden. Genau dafür ist Ihr Chef zuständig und kein anderer. Auch Sie können diese Aufgabe nicht übernehmen. Machen Sie Belohnungsvorschläge, wie zum Beispiel ein höheres Gehalt bei der nächsten Runde.

Was noch zu sagen bleibt:

Neben den sechs Verhaltensstrategien, die wir Ihnen schon genannt haben, sollten Sie sich zuallererst fragen, ob Ihre Wahrnehmung überhaupt stimmt.

Und noch etwas: Sollte Ihr Chef Ihre außergewöhnlichen und intelligenten Vorschläge auf Dauer systematisch boykottieren, gibt es nur einen Rat: Dann ist es an der Zeit, den Job zu wechseln!

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Florentin Kolitsch

Florentin Kolitsch ist seit 2017 Permanent Placement Consultant bei GULP in Hamburg. An der Leuphana Universität Lüneburg hat er BWL mit den Schwerpunkten Personalmanagement und Wirtschaftsrecht studiert. Bereits nebenbei hat er einen Blick in die Praxis gewagt und vermittelt seit September 2014 Jobs für IT-Experten. Sein Schwerpunkt liegt dabei auf Microsoft- und Frontend-Technologien sowie C++ und Softwaretesting.